Die Passerelle de Kelhan: ein saisonaler Übergang im Herzen der Ardennen

Zwischen den Dörfern Bohan und Membre, in der Gemeinde Vresse-sur-Semois, schlängelt sich die Semois durch eine der letzten großen wilden Mäandergebiete der belgischen Ardennen. Im Herzen dieses unberührten Landschaftsraumes erhebt sich jeden Sommer eine Holzbrücke aus Stahlkabeln über das grüne Wasser des Flusses: die Passerelle de Kelhan, benannt nach dem Ardennenwohnplatz, an dem sie auf dem linken Ufer Fuß fasst.

Diese leichte Konstruktion, die jedes Jahr zwischen Ende Mai und dem frühen Herbst aufgestellt wird, ist nicht für die Ewigkeit gedacht. Sie wird vor den Winterhochwassern entfernt und überlässt dem Fluss seine Rechte auf den überschwemmbaren Ufern. Diese Philosophie des Vorübergehenden — so tief in der Ardennertradition der Flechtbrücken verwurzelt — verleiht der Brücke eine besondere Aura: Sie verwandelt das einfache Überqueren eines Flusses in ein saisonales Ritual, ein Stelldichein mit der Natur zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt des Jahres.

Die Brücke ist das Herzstück einer Wanderschleife von 5,97 km, die zu den vollständigsten Spaziergängen der Region gehört: Waldwege oberhalb der Sautou-Schlucht, Durchgang durch den 220 Meter langen Eisenbahntunnel, der 1935 für die Nationale Gesellschaft der Nebenbahnen (SNCV) gebaut wurde, Besuch der Überreste der Zerbrochenen Brücke von Bohan — eines Eisenbahnviadukts, das im August 1944 gesprengt wurde — und Abstieg in das Naturschutzgebiet von Bohan-Membre, ein seit 1949 von Ardenne & Gaume verwaltetes Biodiversitätsschutzgebiet.

Dieser Leitfaden bietet Ihnen eine vollständige Erkundung dieses außergewöhnlichen Gebietes: seine Eisenbahngeschichte, Geomorphologie, natürliches Erbe und die Schmuggeltraditionen, die diese diskreten Wälder zwischen zwei durchlässigen Grenzen lange Zeit belebten. Eine Möglichkeit, über den einfachen Wanderweg hinauszugehen und die Landschaft mit den Augen eines Geographen, eines Historikers und eines Naturforschers zu lesen.

Gute Nachrichten für Familien: Der Kelhan-Rundweg ist als mittelschwer eingestuft (kumuliertes Höhenunterschied 156 m, geschätzte Dauer 1,5 bis 2 Stunden). Kinder über 8 Jahre können ihn in guter körperlicher Verfassung problemlos bewältigen. Das einzige Erfordernis sind wasserdichte Wanderschuhe: Die Schluchtenabschnitte bleiben auch bei trockenem Wetter feucht.

Eine saisonale Fußgängerbrücke: Philosophie und Erbe der Flechtbrücken

Im kollektiven Gedächtnis der Ardennen war der Fluss lange Zeit sowohl eine Grenze als auch ein Übergang. Flechtbrücken — jene leichten Konstruktionen aus zusammengebundenen Stangen und behauenen Planken — waren bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts an vielen Stellen weit entfernt von Steinbrücken das einzige Mittel, die Semois zu überqueren. Sie wurden vor den saisonalen Messen und Märkten errichtet, nach der Überschwemmungszeit abgebaut und im darauffolgenden Sommer neu zusammengesetzt.

Die Passerelle de Kelhan fügt sich direkt in diese Tradition ein. Ihre Konstruktion aus Stahlkabeln und behandeltem Holzdeck — von einem Team aus Freiwilligen und Technikern der Gemeinde Vresse-sur-Semois errichtet — wiederholt die uralte Geste des Ardenner Menschen, der seinen Fluss vorübergehend "zähmt". Sie ist nicht für immer da. Ihre Abwesenheit im Winter ist ebenso wichtig wie ihre Präsenz im Sommer: Sie erinnert daran, dass die Semois während der Überschwemmungen nicht mehr den Menschen gehört.

Der Weiler Kelhan — ein diskreter Ortsname, der nur den Einheimischen bekannt ist — bezeichnete historisch einen Mäander der Semois, an dem Schiffer und Schmuggler Halt machten. Der Name stammt wahrscheinlich aus altem Germanischen (kel, fließendes Wasser + han, Hahn oder Kamm) und evoziert das Bild von Wasser, das zwischen den Felsen "singt". Hier, zwischen zwei engen Biegungen des Flusses, drängte sich die Überquerung auf der Achse Bohan-Membre von selbst als die logischste auf.

Heute zieht die Brücke an jedem Sommerwochenende Hunderte von Spaziergängern an. Sie ist zum Symbol der nachhaltigen Tourismuspolitik von Vresse-sur-Semois geworden: eine einfache Anlage mit geringem ökologischen Impact, die das Landschaftserbe ohne Kunstgriffe aufwertet. Keine riesigen Parkplätze, keine schwere Infrastruktur. Nur der Fluss, das Holz und der Ardennerwald, der seine Rechte zurückfordert, sobald man den markierten Weg verlässt.

Das Naturschutzgebiet von Bohan-Membre, das das Wegtracé in seinen wildesten Teilen umrahmt, fügt dem Spaziergang eine Dimension von Stille und Feierlichkeit hinzu. Besucher, die einen gewöhnlichen touristischen Spaziergang erwarten, sind oft von der Intensität des Erlebnisses überrascht: das Murmeln des Flusses, die Dunkelheit des Tunnels, die Wasserspiegelungen auf den Steinen der Zerbrochenen Brücke. Die Passerelle de Kelhan ist nicht nur eine Möglichkeit, die Semois zu überqueren — sie ist ein Landschaftsenthüller.

Die Gemeinde Vresse-sur-Semois bietet weitere Rundwege im gleichen Gebiet an. Die grüne Markierung — offizielle Farbe des Kelhan-Rundwegs — ist systematisch doppelt (auf beiden Seiten der Bäume) angebracht, um auch unerfahrene Wanderer zu führen. Im Zweifelsfall gilt die Regel: Verlassen Sie die Markierung in den Schluchtenabschnitten nie, wo die Steigungen 30 % überschreiten und der Lehmboden nach Regen besonders rutschig wird.

Lebendige Tradition: Die jährliche Wiederaufstellung der Brücke ist zu einem von den Einwohnern von Bohan und Membre erwarteten Ereignis geworden. Es markiert symbolisch den Beginn der Sommersaison, ähnlich wie die Rückkehr der Störche oder die Blüte der Orchideen auf den angrenzenden Wiesen.

Der Kelhan-Rundweg: Topographie und Wegmarkierung

Der Kelhan-Rundweg ist eine Schleife, die im Dorf Bohan beginnt und endet, erreichbar über die Nationalstraße N95, die Gedinne mit Vresse-sur-Semois verbindet. Der offizielle Startpunkt befindet sich auf dem Dorfparkplatz in der Nähe der Pfarrkirche. Die empfohlene Wanderrichtung ist im Uhrzeigersinn: zuerst Überquerung der Semois über die Brücke, Aufstieg durch den Kelhan-Wald, Abstieg über den Sautou und Rückkehr über die Zerbrochene Brücke. Diese Richtung maximiert Komfort und Sicherheit auf den steilen Abschnitten.

Merkmal Detail
Gesamtdistanz5,97 km (Schleife)
Kumuliertes Höhenunterschied156 m
Geschätzte Dauer1,5 bis 2 Stunden (Pausen inbegriffen)
SchwierigkeitMittel — grüne Wegmarkierung
StartpunktParkplatz Bohan (N95, 5550 Bohan)
GPS-Startkoordinaten49.869° N, 4.924° O
ÖffnungszeitEnde Mai – Ende Oktober (Brücke)
ZugänglichkeitNicht geeignet für Kinderwagen / Rollstühle
HundeAn der Leine im Schutzgebiet erlaubt
ParkenKostenlos in Bohan (begrenzte Kapazität)

Die vier wichtigsten Etappen des Rundwegs

1. Vom Parkplatz zur Brücke (0 bis 1,2 km) — Der Weg folgt dem rechten Semois-Ufer flussaufwärts. Das Gelände ist flach und einfach, ideal zum Aufwärmen. Die ersten Schilder des Naturschutzgebietes sind zu sehen, ebenso die typischen Auenhabitate des Unterlaufs: Erlen, Weiden und Pappeln in der Ufervegetation.

2. Die Überquerung und der Aufstieg nach Kelhan (1,2 bis 2,8 km) — Nach der Überquerung der Brücke (Höhepunkt des Rundwegs, Panoramablick auf die Mäander) steigt der Weg schnell in den Eichen- und Buchenwald des linken Ufers auf. Die Steigung erreicht stellenweise 22 % auf einem Erdweg. Dies ist der körperlich anspruchsvollste Teil des Rundwegs, bietet aber atemberaubende Ausblicke ins Tal.

3. Das Plateau und die Sautou-Schlucht (2,8 bis 4,4 km) — Der Weg durchquert ein wenig markiertes Waldplateau und taucht dann in die Sautou-Schlucht ein — ein tief eingeschnittenes Tal mit beeindruckenden Hängen (bis zu 34 % stellenweise). Blöcke aus Ardennerschiefer ragen aus dem Waldboden hervor. Man passiert "La Cheminée" (Der Schornstein), einen engen Durchgang zwischen zwei Felsformationen, wo Kinder besonderen Spaß daran haben, sich zwischen den Wänden hindurchzuzwängen.

4. Die Zerbrochene Brücke und die Rückkehr (4,4 bis 5,97 km) — Der Abstieg führt den Wanderer zu den Überresten der Zerbrochenen Brücke von Bohan: Mauerwerksfeiler des im August 1944 gesprengten SNCV-Viadukts. Der Weg folgt dann der Semois flussabwärts bis zum Eisenbahntunnel und steigt anschließend wieder zum Dorf Bohan hinauf, um die Schleife zu schließen.

Wikiloc: Zwei GPS-Spuren dieses Rundwegs sind online auf der Wikiloc-Plattform verfügbar, darunter die Route "Le Pont Cassé, Passerelle de Kelhan & Tunnel" (215 Downloads). Es empfiehlt sich, diese vor der Abfahrt offline zu speichern, da der Netzempfang im Talgrund teilweise eingeschränkt ist.

Das Naturschutzgebiet von Bohan-Membre: ein Biodiversitätsreservat

Das Naturschutzgebiet von Bohan-Membre ist eines der ältesten Reservate, das vom Verein Ardenne & Gaume verwaltet wird, der 1949 gegründet wurde. Es erstreckt sich über mehrere Dutzend Hektar auf beiden Semois-Ufern zwischen Bohan und Membre und umfasst äußerst vielfältige Lebensräume: Kalkmagerrasen, Heide, Geröllhalden, Hangwälder, Auwälder und Alluvialmarschen. Dieses Mosaik von Habitaten verleiht dem Schutzgebiet eine außergewöhnliche Biodiversität, die weit über Belgiens Grenzen hinaus anerkannt ist.

335 Flechtenarten und 19 neue für Belgien

Eine lichenologische Studie, die um die Jahrtausendwende im Schutzgebiet durchgeführt wurde, brachte spektakuläre Ergebnisse: Forscher verzeichneten 335 Flechtenarten im Gebiet von Bohan-Membre, darunter 19 Arten, die neu für Belgien sind. Diese Zahl stellt das Schutzgebiet unter die bemerkenswertesten lichenologischen Standorte Westeuropas. Flechten — oft als geringfügige Organismen betrachtet — sind in Wirklichkeit ausgezeichnete Bioindikatoren: Ihr Reichtum und ihre Vielfalt zeugen von einer Luftqualität und ökologischen Stabilität, die in einem so industrialisierten Land wie Belgien selten sind.

Unter den inventarisierten Flechten gibt es Arten, die nur auf alten ungestörten Substraten wachsen: über zwei Jahrhunderte alte Stieleichen, Ardenner Schiefersteine, die durch natürliche Überhänge vor direktem Regen geschützt sind. Das Vorhandensein dieser intakten Mikrohabitate im Schutzgebiet ist ein wertvoller Indikator für die ökologische Kontinuität des Standorts über mehrere Jahrhunderte.

Der Schwarzstorch, Botschafter des Schutzgebiets

Das Schutzgebiet von Bohan-Membre bildet eines der Nahrungsgebiete des Schwarzstorchs (Ciconia nigra), der 1989 nach mehr als einem Jahrhundert Abwesenheit wieder in den belgischen Ardennen zu nisten begann. Diese emblematische Art, von absoluter Diskretion, jagt Mühlkoppen und Elritzen in den kalten, gut mit Sauerstoff versorgten Waldbächen, die die Semois vom Ardennenhochplateau speisen. Die kleinen Nebenflüsse der Sautou-Schlucht, geschützt durch das dichte Kronendach, bilden erstklassige Fischereihabitate für diesen Waldstorch.

Wanderer auf dem Kelhan-Rundweg haben eine vernünftige Chance, einen Schwarzstorch im Flug über den bewaldeten Bergrücken zu beobachten, insbesondere am frühen Morgen (zwischen 7 und 10 Uhr) und am späten Nachmittag (nach 17 Uhr). Die Adultvögel, erkennbar an ihrem glänzend schwarzen Gefieder mit grünem und purpurnem Schimmer und ihrem leuchtend roten Schnabel, gleiten häufig auf Thermiken, die von den südsüdwestlich ausgerichteten bewaldeten Hängen erzeugt werden.

Bemerkenswerte Flora: Orchideen und Pflanzen feuchter Standorte

Die Kalkmagerrasen des Schutzgebiets — durch extensive Beweidung oder späte Mahd gepflegt — beherbergen mehrere Arten wilder Orchideen: Dactylorhiza maculata (Geflecktes Knabenkraut), Platanthera bifolia (Weiße Waldhyazinthe) und, in den am besten belichteten Sektoren, Gymnadenia conopsea (Mücken-Händelwurz). Diese kleinen, zarten Blüten, die zwischen Ende Mai und Mitte Juli blühen, sind eines der diskreten, aber eindrucksvollen Schauspiele, die man entdecken kann, wenn man den markierten Weg kurz verlässt, um die Saumbiotope zu beobachten.

Die Alluvialufern, die bei Frühjahrsüberschwemmungen regelmäßig überflutet werden, beherbergen eine Vegetation aus großen Kräutern, die an feuchte Standorte angepasst sind: Wilde Engelwurz, Zottiges Weidenröschen, Drüsiges Springkraut (eine sich ausbreitende invasive Art) und die dichten Bestände von Petasites hybridus (Gewöhnliche Pestwurz), die auf den Kiesbänken spektakuläre Teppiche bilden.

Der Verein Ardenne & Gaume organisiert regelmäßig für die Öffentlichkeit zugängliche naturkundliche Ausflüge im Schutzgebiet. Diese Exkursionen, geleitet von professionellen Botanikern und Ornithologen, ermöglichen es, in die Details eines Ökosystems einzutauchen, das eine einfache Wanderung nur oberflächlich berührt. Das Programm erfahren Sie direkt auf der Website des Vereins.

Regeln des Schutzgebiets: Kein Pflücken von Pflanzen, keine Störung der Tierwelt, auf markierten Wegen bleiben, kein Biwak oder Feuer. Hunde sind an der Leine erlaubt. Jede Beschädigung ist nach dem Naturschutzgesetz strafbar.

Das Eisenbahnabenteuer: die SNCV-Linie 553

Um den Eisenbahntunnel von Membre-Bohan und die Zerbrochene Brücke zu verstehen, muss man auf das große Abenteuer der belgischen Vicinalbahnen zurückgehen, eine der ambitioniertesten — und am wenigsten bekannten — Ingenieurleistungen in der Geschichte des ländlichen Belgiens. Die Nationale Gesellschaft der Vicinalbahnen (SNCV), 1884 gegründet, hatte die Aufgabe, die abgelegensten belgischen Landschaften mit Verkehrsmitteln zu versorgen — jene, die das gewöhnliche SNCB-Eisenbahnnetz nicht bediente.

1913: die Ankunft der Dampfstraßenbahn im Semois-Tal

Die SNCV-Linie 553 — die "Semois-Linie" genannt — wurde 1913 eingeweiht. Sie verband Bertrix (SNCB-Eisenbahnknotenpunkt) mit Alle-sur-Semois, über Membre, Bohan und die Dörfer der Unteren Semois. Die Dampflokomotiven, die sie befuhren, zogen gemischte Wagen, die sowohl Fahrgäste als auch für die lokale Wirtschaft wesentliche Güter transportierten: Schiefer aus den Steinbrüchen, Bauholz, Semois-Tabak und Lebensmittel für die eingeschlossenen Dörfer.

Der Bau der Linie war eine beträchtliche technische Herausforderung. Das tief eingeschnittene Semois-Tal zwang die Ingenieure, die felsigen Bergrücken zu umgehen oder zu durchbohren. Die SNCV-Ingenieure wählten eine elegante Lösung für den schwierigsten Abschnitt: die Kombination eines Viadukts über die Semois und eines Tunnels unter dem Bergrücken zwischen Membre und Bohan.

1935: der 220 Meter lange Eisenbahntunnel

Der Tunnel von Membre-Bohan wurde 1935 gebohrt, während einer großen Modernisierung der Linie. Mit einer Länge von 220 Metern wurde er im Ardennerschiefer unter dem bewaldeten Bergrücken ausgehoben, der die beiden Dörfer trennt. Sein Hufeisenprofil, charakteristisch für belgische Vicinaltunnel der Zwischenkriegszeit, wurde für die Dampflokomotiven und kurzen Züge des SNCV-Netzes dimensioniert.

Der Tunnelbau beschäftigte mehrere Hundert Arbeiter für mehr als ein Jahr. Die Baustelle verwendete Sprengvortriebstechniken kombiniert mit einer Auskleidung aus roten Backsteinen, die heute noch auf den Innenwänden deutlich sichtbar ist. Dieses Backsteingewölbe, leicht feucht und mit Moos bewachsen, ist eines der ersten Dinge, die Wanderer bemerken, wenn sie sich hineingeben: Es verleiht dem Tunnel eine fast kathedralenhafte Atmosphäre, verstärkt durch die besondere Akustik des unterirdischen Raums und das Geräusch von Wasser, das durch die Fugen sickert.

1940 bis 1944: die Linie unter der Besatzung

Während des Zweiten Weltkriegs fuhr die Linie 553 weiterhin unter deutscher Kontrolle. Sie spielte eine nicht unerhebliche logistische Rolle für die Besatzungstruppen in einer Region von strategischer Bedeutung: Die deutsch-belgische Grenze lag nahe in den Ardennenwäldern, und die Wälder boten den Widerstandskämpfern natürliche Zufluchtsorte, die motorisierte Patrouillen kaum kontrollieren konnten.

Im August 1944, als die Befreiung näher rückte, beschlossen belgische und alliierte Truppen, die Eisenbahninfrastruktur zu zerstören, um die Bewegungen zurückziehender deutscher Truppen zu verhindern. Das SNCV-Viadukt über die Semois in Bohan — ein mehrspanniges Metallbauwerk — wurde gesprengt. Die Überreste dieser Widerlager und Pfeiler aus Mauerwerk, wundersamerweise intakt, bilden heute die Zerbrochene Brücke von Bohan.

Nachkriegszeit: das Ende der Vicinalbahnen und die Umwandlung in einen Grünen Weg

Die Linie 553 erholte sich nicht von der Zerstörung ihres Viadukts. Die zunehmende Motorisierung der belgischen Landschaft, beschleunigt durch den Nachkriegswiederaufbau, machte den Wiederaufbau der Brücke wirtschaftlich nicht tragbar. Die Linie wurde endgültig geschlossen und ihre Schienen in den 1950er Jahren abgebaut. Die Trasse der ehemaligen Eisenbahnlinie wurde nach und nach zu einem natürlichen Wanderweg — Vorläufer der modernen Grünen Wege — bevor sie in die offiziellen Wanderrouten der Gemeinde Vresse-sur-Semois integriert wurde.

Die Zerbrochene Brücke von Bohan

Auf halbem Weg des Kelhan-Rundwegs mündet der Pfad auf eine der meistfotografierten Sehenswürdigkeiten des Semois-Tals: die Zerbrochene Brücke von Bohan. Was man entdeckt, ist keine Brücke im eigentlichen Sinne, sondern die Überreste eines Vicinalbahn-Viadukts, das im August 1944 beim Vormarsch der alliierten Truppen in Richtung der deutschen Grenze zerstört wurde.

Die Widerlager und Pfeiler aus Ardennerschiefer stehen noch stolz in und am Rande des Flusses, bedeckt mit Vegetation — Farne, Moos, Efeu — die den romantischen Ruineneffekt verstärkt. Die zentralen Pfeiler, die die Metallspannweiten des eigentlichen Viadukts trugen, sind teilweise in der Semois versunken. Sie ragen bei Niedrigwasser (der Begriff ist für einen Fluss unpassend, veranschaulicht aber gut den Effekt bei Sommerniedrigwasser) wie Grabmäler knapp über der Wasseroberfläche heraus.

Das Gelände wurde von der Gemeinde Vresse-sur-Semois gesichert: Die instabilsten Pfeiler wurden konsolidiert, und eine hölzerne Aussichtsplattform wurde am rechten Ufer installiert, damit Besucher das gesamte Bauwerk risikolos betrachten können. Pädagogische Tafeln erläutern die Geschichte der Linie 553 und die Zerstörung des Viadukts.

Für Kajakfahrer, die die Semois zwischen Membre und Alle-sur-Semois befahren, ist die Zerbrochene Brücke ein unverzichtbares Sichtzeichen. Von der Semois aus, zwischen zwei bewaldeten Mäandern, bietet sie eine der eindrucksvollsten Aussichten der Unteren Semois: ein Dekor zwischen Abenteuerroman und Meditation über die Zeit.

Das Morgenlicht (zwischen 8 und 11 Uhr im Sommer) ist ideal für die Fotografie der Zerbrochenen Brücke: Die schrägen Strahlen der aufgehenden Sonne erwärmen die Schiefersteine und erzeugen dramatische Kontraste zwischen den noch im Schatten liegenden Teilen und den bereits im Licht gebadeten Felsvorsprüngen. Für Landschaftsfotografen ist dieser Moment den Umweg wert.

Der Tunnel Membre-Bohan und die Fledermäuse

Der 220 Meter lange Eisenbahntunnel ist eines der ungewöhnlichsten Elemente des Kelhan-Rundwegs. 1935 in den Ardennerschiefer gehauen, taucht er den Wanderer für ein bis zwei Gehminuten in fast vollständige Dunkelheit — lange genug, um bei Kindern (und manchmal Erwachsenen) einen leichten Abenteuerreiz auszulösen. Eine Taschenlampe oder ein Smartphone wird dringend empfohlen, obwohl manche Wanderer sich dafür entscheiden, in vollständiger Dunkelheit zu passieren, nur geleitet vom Lichtpunkt des gegenüberliegenden Eingangs.

Aber der Tunnel ist nicht nur eine architektonische Kuriosität. Seit der Schließung der Eisenbahnlinie in den 1950er Jahren ist er ein wichtiges Hibernaculum für Fledermäuse der Region. Die quasi konstante Temperatur des unterirdischen Raums (zwischen 8 und 12 °C das ganze Jahr), die hohe Luftfeuchtigkeit und die permanente Dunkelheit machen ihn zu einem idealen Refugium für Winterkolonien.

Mehrere Arten geschützter Fledermäuse wurden im Tunnel inventarisiert, darunter die Barbastella barbastellus (Mopsfledermaus), der Rhinolophus hipposideros (Kleine Hufeisennase) und der Myotis bechsteinii (Bechsteinfledermaus) — drei Arten, die in den Anhängen II und IV der europäischen Habitatrichtlinie aufgeführt sind und auf der Roten Liste der Säugetiere Walloniens stehen. In der Hibernationszeit (November bis März) kann der Zugang zum Tunnel durch Verfügung des Wallonischen Naturbüros (OWN) eingeschränkt werden, um die schlafenden Kolonien zu schützen.

Im Sommer nutzen Fledermäuse den Tunnel als Tagesruheplatz zwischen zwei nächtlichen Ausflügen. Der aufmerksame Wanderer kann manchmal in den frühen Morgenstunden eine Mopsfledermaus oder Hufeisennase am Backsteingewölbe hängen sehen, nur wenige Dezimeter über dem Boden. Die grundlegenden Respektregeln gelten: Tiere nicht direkt mit starken Lampen anleuchten (Wanderer-LED-Stirnlampen sind akzeptabel), nicht stören und nicht versuchen anzufassen.

Der Tunnel ist auch ein bemerkenswerter Lebensraum für höhlenlebende Wirbellose und unterirdische Flora: Es können mehrere an die Dunkelheit angepasste Moosarten beobachtet werden, holzzersetzende Pilze auf den seltenen Resten von Holzschwellen und einige Arten troglophiler Käfer, die Entomologen als gute Indikatoren für die Reife des unterirdischen Ökosystems betrachten.

Die Geomorphologie des Beckens von Bohan-Membre

Das Gebiet von Bohan-Membre veranschaulicht perfekt die komplexe Geomorphologie des unteren Semois-Tals in den Ardennen. Der Fluss, der über devonische Schieferformationen fließt, gräbt hier eine Abfolge von tief eingeschnittenen Mäandern zwischen bewaldeten Bergrücken, die 200–250 Meter Höhe erreichen. Der Höhenunterschied zwischen dem Flussbett (ca. 140 m) und den umliegenden Bergrücken schafft sehr steile Hänge, Quelle der spektakulären Landschaften, die der Region ihren touristischen Ruf verleihen.

Die Sautou-Schlucht — die der Kelhan-Rundweg in ihrem mittleren Teil durchquert — ist ein charakteristisches Beispiel für die Ardennenhangtalwege. Ihre Hänge erreichen stellenweise 34 %, das physiologische Maximum für einen ohne künstliche Hilfsmittel begehbaren Weg. Der Schluchtenboden wird von einem zeitweiligen Bach durchquert, der bei heftigen Regenfällen Geröll aus Schiefer und Quarzit von großer petrographischer Vielfalt mitführt: so viele Zeugen der glazialen und periglazialen Phasen, die das Ardennenrelief im Quartär geformt haben.

Der Durchgang namens "La Cheminée" (Der Schornstein) — ein natürlicher Riss in der Schieferwand, durch den sich der Weg zwängt — ist das Ergebnis eines Frostverwitterungsprozesses: In einen vorhandenen Riss eingedrungenes Wasser fror wiederholt und weitete die Kluft progressiv auf, bis es diesen malerischen Durchgang schuf. Dieser Typ von Mikrorelief ist charakteristisch für das Ardennenmassiv, wo die devonischen metamorphen Gesteine eine ausgeprägte Schieferung aufweisen, die Frostbrüche begünstigt.

Semois-Tabak und Schmuggelwege

Es ist schwer, über die Wälder und Wege der Region Bohan-Membre zu sprechen, ohne eine der originellsten Landindustrien der belgischen Ardennen zu erwähnen: den Anbau und die Verarbeitung des Semois-Tabaks. Dieser außergewöhnliche Tabak, auf kleinen Parzellen an den sonnigen Talhängen angebaut, ist Erbe einer landwirtschaftlichen Tradition, die bis ins 17. Jahrhundert zurückreicht — eine Zeit, in der Tabakanbau sowohl eine lebenswichtige wirtschaftliche Ressource als auch eine halb-klandestine Tätigkeit war, die drakonischen Steuermonopolen unterworfen war.

Die Nähe der deutsch-belgischen Grenze, die durch die Ardennenwälder wenige Kilometer südlich von Bohan verläuft, machte die Region lange zu einem bevorzugten Terrain für Schmuggler. Tabak — wie Wacholderschnaps, Salz und andere Waren, die auf beiden Seiten der Grenze unterschiedlich besteuert wurden — reiste auf diskreten Waldwegen, oft nachts, auf den Schultern von Männern und Frauen, die jede Senke, jeden Weg, jede Flechtbrücke kannten, die die Semois überqueren konnte, ohne entdeckt zu werden.

Die belgischen und französischen Zollbehörden führten regelmäßige Patrouillen in diesen Wäldern durch. Die Schmuggler, in kleinen Familiennetzwerken organisiert, hatten ausgefeilte Ausweichtechniken entwickelt: Verwendung von Klangsignalen (Pfiffe, Vogelrufe), Relaisstellen in abgelegenen Scheunen und Nutzung ungünstiger Wetterbedingungen — dichter Nebel über dem Tal, frischer Schnee, der die Schritte dämpfte — um Spuren zu verwischen.

Die Passerelle de Kelhan und die angrenzenden Wege gehörten zu diesen Schmuggelrouten. Die lokale mündliche Überlieferung berichtet, dass bestimmte Familien aus Bohan einen Teil ihres Einkommens aus dem klandestinen Transport von Tabak und Wacholderschnaps schöpften. Diese Aktivitäten, durch Zollgesetzbücher kriminalisiert, aber tief in den sozialen Praktiken der Ardennengemeinde verwurzelt, wurden lange als eine Form des Volkswiderstands gegen als ungerecht empfundene Steuern betrachtet.

Heute ist der Semois-Tabak eine geschützte Ardennerspezialität, die von einigen passionierten Handwerkern produziert wird, von denen die bekanntesten in Corbion-sur-Semois ansässig sind. Die handwerkliche Produktion umfasst überlieferte Trocknungs-, Fermentations- und Röstmethoden, die dem Tabak seine charakteristischen Nuss- und Schokoladennoten verleihen, die von Kennern weltweit geschätzt werden. Die New York Times widmete ihm einen mehrseitigen Artikel.

Für den Wanderer, der den Kelhan-Rundweg durchquert, tragen diese diskreten Wege zwischen Farnen und Schieferfelsen noch den Abdruck dieser klandestinen Geschichte. Manche Trittsteine, zu regelmäßig gehauen, um natürlich zu sein, könnten durchaus Überreste von durch Schmuggler angelegten Trockendurchgängen sein. Eine andere Möglichkeit, die Landschaft zu lesen.

Zu entdecken: Das Atelier-Museum des Semois-Tabaks in Corbion (rue du Tambour) bietet geführte Touren und Röstvorführungen an. Eine hervorragende Möglichkeit, den Tag nach einer Wanderung in Kelhan zu verlängern.

Praktische Informationen

Vor der Abfahrt

Startpunkt
Parkplatz Bohan (rue de l'Église), 5550 Bohan (Gemeinde Vresse-sur-Semois)
Anreise mit dem Auto
N95 Gedinne–Vresse-sur-Semois, dann D946 Richtung Bohan. GPS: 49.869° N, 4.924° O
Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln
TEC-Bus Linie 8 (Dinant–Vresse), Haltestelle Membre; dann 2 km zu Fuß nach Bohan über die N95
Brücke zugänglich
In der Regel Ende Mai – Ende Oktober (vor der Abfahrt beim Gemeindeamt Vresse nachfragen)
Empfohlenes Schuhwerk
Wasserdichte Wanderschuhe (Trail oder Hiking) — Lehmboden und feuchtes Unterholz
Ausrüstung
Taschenlampe (Tunnel), mindestens 1 L Wasser, leichte Windjacke, Sonnencreme im Sommer
Verpflegung
Café-Restaurant im Dorf Bohan (Öffnungszeiten prüfen). Picknick empfohlen
Camping
Camping an der Semois in Alle-sur-Semois (15 km) oder Camping in Membre (Sommersaison)
Kombination Kajak
Kajakstart von Bohan oder Membre, Ankunft in Alle-sur-Semois am selben Tag möglich. Ideal: Morgens wandern, nachmittags Kajak fahren.
Notfälle
Einheitliche Notrufnummer 112. Gemeindeamt Vresse-sur-Semois: +32 (0)61 29 90 90

Um diese Wanderung mit einem Wassererlebnis zu kombinieren, denken Sie an Kajakfahren auf der Lesse oder eine Semois-Tour mit unserem in Alle-sur-Semois ansässigen Team. Beide Flüsse, benachbart und ergänzend, bieten völlig unterschiedliche Atmosphären.

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Fotogalerie

Häufig gestellte Fragen

Die saisonale Fußgängerbrücke von Kelhan wird jedes Jahr ab Ende Mai oder Anfang Juni bis in den Herbst aufgestellt. Sie wird im Winter entfernt, um den Frühjahrsüberschwemmungen der Semois Platz zu machen. Vor jedem Besuch empfiehlt es sich, das Gemeindeamt Vresse-sur-Semois zu kontaktieren oder die sozialen Medien der Gemeinde zu konsultieren, um das tatsächliche Aufstellungsdatum zu bestätigen.
Der Kelhan-Rundweg ist als mittelschwer eingestuft: 5,97 km, 156 m Höhenunterschied, Dauer ca. 1,5 Stunden. Gute wasserdichte Wanderschuhe werden empfohlen, besonders bei nassem Wetter. Die grünen Markierungen müssen in den Schluchtenabschnitten strikt befolgt werden. Kinder über 8 Jahre können den Rundweg in guter körperlicher Verfassung ohne größere Schwierigkeiten absolvieren.
Ja, die Zerbrochene Brücke von Bohan (Überreste des im August 1944 gesprengten SNCV-Viadukts) ist auf dem Rundweg zugänglich und gesichert. Eine hölzerne Aussichtsplattform ermöglicht die Betrachtung der Ruinen vom rechten Ufer aus. Pädagogische Tafeln schildern die Geschichte der Vicinalbahn-Linie 553. Sie ist eines der Highlights der Kelhan-Wanderung.
Der 220 Meter lange Eisenbahntunnel von Membre-Bohan (erbaut 1935) beherbergt Fledermauspopulationen — insbesondere die Mopsfledermaus, die Kleine Hufeisennase und die Bechsteinfledermaus —, die diesen unterirdischen Raum als Hibernaculum (Winterquartier) nutzen. Strenge Schutzmaßnahmen regeln den Winterzugang (November bis März). Im Sommer sind Fledermäuse als Tagesruheplatz vorhanden: nicht stören und nicht direkt anleuchten.
Absolut. Bohan und Membre sind klassische Start- und Endpunkte für Kajaktouren auf der Semois. Es ist gut möglich, eine morgendliche Wanderung über die Passerelle de Kelhan (Abfahrt 8:30 Uhr, Rückkehr 11 Uhr) mit einer nachmittäglichen Kajaktour zu kombinieren (Abfahrt 13 Uhr, Ankunft in Alle-sur-Semois gegen 17 Uhr). Ein unvergesslicher ganzer Tag im Herzen der Ardennen.